Wenn Gemeinde ein Ort gelebter Vielfalt und echter Gemeinschaft wäre
Anhaltend hohe Austrittszahlen und der massive Relevanzverlust traditioneller Kirchen deuten auf ein schwerwiegendes Problem hin. Experten wie Prof. Gerhard Wegner sehen das Hauptproblem darin, dass es in vielen Gemeinden an einer religiösen Praxis fehlt, die Außenstehenden zeigt, was christliches Leben ist und wie dessen Kraft erfahren werden kann. Mit seinem neuen Buch Zusammenleben in Gottes Hausbegegnet Friedemann Burkhardt diesem Mangel durch einen Neuansatz in der Gemeindeentwicklung. Burkhardt ist methodistischer Pastor, Dozent für Gemeindeentwicklung an der Internationalen Hochschule Liebenzell und Leiter des dortigen Forschungsinstitutes. In seinem Buch „Zusammen leben in Gottes Haus“, das im Frühjahr erscheint, fasst er die Ergebnisse von knapp zehn Jahren empirischer Gemeindeforschung zusammen.
regeneratio: Herr Burkhardt, was ist neu an ihrem Buch?
Burkhardt: Die Gemeindeaufbaukonzepte der zurückliegenden Jahrzehnte setzen überwiegend bei den Strukturen und Fragen der Gestalt von Gemeinde und ihren Angeboten an. Inhaltliche Fragen oder die Leitungspersonen waren wenig im Fokus. In der empirischen Gemeindeforschung sehen wir, dass die Persönlichkeit von Leitungspersonen und ihr Leitungsstil für eine fruchtbare Gemeindeentwicklung bedeutsamer sind wie Form- oder Verfahrensfragen. Insbesondere die Untersuchung von nachhaltig fruchtbaren Gemeinden zeigt glasklar, dass deren Erfolg ein Produkt ihrer Vermittlung von Glaubenssubstanz und der Integrität ihres Führungspersonals ist. Diese nachgewiesenen Erfolgsfaktoren gebe ich in meinem Buch weiter. Neu ist dabei, dass der Gemeindeentwicklungsansatz, den ich vertrete, auf der Grundannahme eines Vorrangs von Personen vor Strukturen beruht.
regeneratio: Das heißt konkret …
Burkhardt: Mein Konzept setzt nicht bei den Gemeindestrukturen an, sondern bei der Persönlichkeit ihrer Akteurinnen und Akteuren. Es stellt deren Werte und Überzeugungen ins Zentrum, insbesondere ihr Verständnis der Liebe Gottes, und zeigt, wie sie sich davon bei der Gestaltung der Gemeinde und in der Begegnung mit den Menschen in ihrem Umfeld bestimmen lassen. Man könnte diesen Ansatz auf die Formel „Gemeindeentwicklung durch Glaubensentwicklung“ bringen.
regeneratio: Im Untertitel heißt Ihr Buch „Gemeinde interkulturell gestalten“. Inwiefern zeigt sich ein Neuansatz?
Burkhardt: Zunächst einmal muss ich etwas richtigstellen oder bestimmen: Interkulturalität verstehe ich nicht allein in ethnischer Perspektive, sondern bezogen auf die gesamte Vielfalt des Lebens. Das Buch richtet sich an alle, die eine Gemeinde in der Diversität heutigen Lebens gestalten wollen oder müssen. Es geht um eine Perspektive, die eine Vielzahl von Themen ins Zentrum rückt, die im Zusammenleben zu einem Gegeneinander oder zu Polarisierungen führen wie Alter, Bildung, Besitz, Vermögen, Geschlecht, Gesundheit. Die ethnische Herkunft oder Nationalität sind nur zwei von unzähligen Diversitätsparametern.
regeneratio: … das bedeutet für Kirchengemeinden …
Burkhardt: … dass die meisten Gemeinden demografisch gesehen den Anschluss an die gesellschaftliche Wirklichkeit in ihrer Super-Diversität verloren haben. In Kindergärten, Schulen und Universitäten, Krankenhäusern oder Betrieben repräsentieren die Menschen, die dort anzutreffen sind, die Diversität heutigen Lebens. Doch in den meisten Kirchen scheint die Zeit still zu stehen. Sie bilden ein traditionell-bürgerliches Bevölkerungssegment aus eher älteren Menschen der gesellschaftlichen Mitte. Daneben gibt es Gemeinden, in denen Migranten treffen, oder Gemeinde, in denen sich Menschen nach bestimmten Vorlieben oder Hobbies sortieren. Aus einer Milieuperspektive betrachtet sind die meisten Gemeinden sind Clubs von Gleichgesinnten.
regeneratio: … und wo ist das Problem?
Burkhardt: Es sind zwei Probleme, die aber miteinander zu tun haben. Das erste lässt sich an dem seit gut zehn Jahren stark diskutierten Thema der Migration zeigen. Der Kirchensoziologe Gerd Pickel weist darauf hin, dass Kirchengemeinden eine ausgeprägtere Polarisierung zwischen Willkommenskultur und Fremdenangst kennzeichnet als die restliche Gesellschaft. Im kirchlichen Raum verstärken sich die migrationsbedingten Herausforderungen über das gesellschaftliche Durchschnittsmaß hinaus. Denn in Kirche und Gemeinden stehen Menschen mit konservativen Wertvorstellungen, denen rechte Auffassungen sehr nahekommen können, solchen gegenüber, die rechte Haltungen aus Überzeugung entschieden ablehnen. Diese Gemengelage erschwert die Integration von Menschen.
regeneratio: … und führt auch zu Fremdenfeindlichkeit?
Burkhardt: Ja, leider. Der katholische Sonderbeauftragten für Flüchtlingsfragen Erzbischof Stefan Heße sprach auf dem Flüchtlingsgipfel der Deutschen Bischofskonferenz davon, dass die Fremdenfeindlichkeit in der Mitte der Gemeinden angekommen sei. Heße bekräftigte den Auftrag von Gemeinden, Flüchtlinge aufzunehmen, und sah die Kirche herausgefordert, auf Rechtspopulismus zu reagieren.
regeneratio: Was müsste sich ändern?
Burkhardt: Zur gesellschaftlichen Stabilisierung brauch es in unserem Land, die sich nicht nur auf den individuellen Glauben ihrer Gemeindeglieder beziehen und aus den gesellschaftlichen Entwicklungen heraushalten. Es braucht Gemeinden, die die Not der Menschen, die sich abgehängt fühlen, zum Thema machen und ihnen gerne helfen, sich zu integrieren. Dabei geht es um soziale Fragen wie Wohnung oder Altersarmut, auch um Bildungs- und Berufschancen oder Gesundheitsthemen.
regeneratio: Sind das primäre Themen von Gemeinden?
Burkhardt: Die Frage signalisiert ein zweites Problem, was verhindert, dass Gemeinden Relevanz gewinnen. Sie müssten begreifen, dass christliches Leben milieuübergreifend ist. Die Pointe des Evangeliums liegt gerade darin, dass in Jesus Christus die Unterschiede zwischen Kulturen, sozialem Status und Geschlecht zweitrangig werden und wir uns gegenseitig annehmen und in unseren Bedürfnissen helfen. Wenn das Neue Testament von Gütergemeinschaft spricht, meint das nicht eine zwangsmäßige Umverteilung des Vermögens. Vielmehr ist das ein Zeugnis, wie sich eine Gemeinschaft entwickelt, wenn sich die einzelnen an Jesus Christus orientieren. Dies spiegelt sich in der bunten Jüngergemeinschaft Jesu wider wie in der Vorstellung von Gemeinde, wie sie der Apostel Paulus vertritt. Interkulturalität ist ein Wesenszug des Evangeliums. Gemeinde interkulturell zu gestalten ist keine Option neben anderen, sondern eine theologische Notwendigkeit. Denn nur so sind Gemeinden ein Bild für die Vielfalt des Leibes Jesu Christi. Mein Buch richtet sich an alle, die eine Gemeinde unter den Bedingungen der Diversität heutigen Lebens gestalten wollen oder müssen.
regeneratio: Worin liegt die Herausforderung eines solchen Ansatzes?
Burkhardt: Die Herausforderung liegt darin, dass ein interkultureller Ansatz populären völkisch-nationalen oder neoliberalen Anschauungen widerspricht. Während diese Anschauungen soziale Ungleichheit, Rassismus und Konflikte erhöhen, stärkt das vorliegende Buch gesellschaftlichen Zusammenhalt, indem es pastorale Leitungspersonen und Gemeinden zu dem Glauben inspiriert, dass „in Christus“ die Utopie von Geborgenheit in Vielfalt Wirklichkeit wird.
regeneratio: Welche Bedeutung kommt dem Thema in der aktuellen Gemeindeaufbauszene zu?
Burkhardt: Das Buch schließt eine Lücke in der Gemeindeaufbaulehre, die bei diesen Themen abstrakt bleiben. Ich liefere eine anwendungsfreundliche Praxistheorie, die ich aus der biblisch-theologischen Reflexion von Ergebnissen aus der empirischen Gemeindeforschung gewinne und in Grundsätze für die Entwicklung von Gemeinden überführe.
regeneratio: Ihr Buch in einem Satz:
Burkhardt: Gemeinde als Raum gelebter Vielfalt und ehrlicher Gemeinschaft.
Das Buch erscheint Ende Mai im Neufeld Verlag, Reihe Edition TSC-IGW Band 10, ca. 232 Seiten, Paperback, Großformat 17 x 24 cm. ISBN 978-3-86256-198-8. Vorbestellpreis bis 31.5.2025: 25 €, danach 30€.
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